Kolonialkrieg ohne Kolonie? Deutschland in Afghanistan
Fast zwei Jahrzehnte lang, von 2002 bis 2021, war die Bundeswehr im Krieg in Afghanistan. Für ARD und Deutschlandradio hat Marc Thörner den Krieg jahrelang beobachtet - teilweise auch embedded bei verschiedenen NATO-Armeen. Ein Krieg, der mit der 'Verteidigung der deutschen Sicherheit am Hindukusch' begründet wurde, in dem dann fast lehrbuchmäßig Strategien eingesetzt wurden, die an das deutsche Kolonialreich erinnerten: Zusammenarbeit mit korrupten und mafiösen Kriegsherren; Stammespolitik zugunsten ausgewählter Ethnien; Sprache und (Fehl-)Information als Mittel psychologischer Kriegführung einer Armee, die sich zwar als Schutzmacht versteht, tatsächlich aber Risikoumkehr zu Lasten der Bevölkerung betreibt. Marc Thörner sprach mit dem Vordenker der Taliban, mit Warlords und Bundeswehrkommandeuren, mit Vertretern der afghanischen Zivilgesellschaft, mit Minister*innen, Diplomaten und dem Leiter des Untersuchungsausschusses im Bundestag. Nach dem überstürzten Abzug der westlichen Truppen und der erneuten Machtübernahme der Taliban begab er sich erneut auf eine Spurensuche vor Ort. In seiner Analyse verdeutlicht Thörner, dass das Bild von 'Antiterrorkampf' und 'Nation Building', das der deutschen Öffentlichkeit noch immer präsentiert wird, heute nicht minder stark geschönt ist als während des Kriegs. Fünf Jahre nach der Niederlage fragt er, ob der Einsatz nicht neu bewertet werden sollte: als einer der letzten großen Kolonialkriege, mit allen Lehren, die sich daraus für aktuelle Konfliktherde der Welt ergeben.

